****** Auch 1975 war die Popularität der Beatles ungebrochen. Die Platten der 1970 aufgelösten Gruppe verkauften sich nach wie vor blendend, allen voran die 1973 erschienenen Sampler „1962-1966“ und „1967-1970“, die im Laufe der Jahre zu den bestverkauften Alben der Fab-Four avancierten. Auch die Platten von Paul McCartney, John Lennon, George Harrison und Ringo Starr waren Besteller. So landete jeder von ihnen zwischen 1970 und 1975 mindestens einen Nummer 1 Hit. Sie alle veröffentlichten ihre Platten auf dem Beatles-Label Apple und der große Gewinner an diesen Erfolgen war die EMI, die Apple-Records vertrieben. So war der Split der Beatles für die EMI ein Segen ohnegleichen, denn so schlugen sich gleich fünf Fliegen mit einer Klappe. Allerdings sollte 1975 das letzte Jahr sein, wo sie gleich alle fünf Topacts im Programm hatten. In diesem Jahr wurde Apple-Records aufgelöst und die ehemaligen Beatles sahen sich nach anderen Firmen um. John zog sich für fast fünf Jahre aus dem Showgeschäft zurück und unterschrieb 1980 einen Vertrag bei Geffen (im Vertrieb von Warner Brothers), Ringo kam bei Polydor unter und George gründete sein eigenes Label Dark Horse (im Vertrieb der Warner Brothers). Freuen konnte sich die EMI über Paul, der einen Vertrag mit Parlophone unterschrieb und somit der EMI erhalten blieb. 1975 liefen die Solowerke der ehemaligen Beatles nicht mehr ganz so gut. Zwar konnten John, Ringo und George nach wie vor Hits landen, doch die Zeit der großen Hits war erst einmal vorbei. Lediglich Paul setzte seine Erfolgsserie in diesem Jahr nahtlos fort (so landete er im Sommer 1975 mit seiner Band Wings mit „Listen To What The Man Said“ einen Nummer 1 Hit in den USA). Nicht gerade ein Liebling der internationalen Kritiker war George Harrison. Egal was er auch veröffentlichte und egal wie gut es auch sein mochte, an seiner Musik hatten die Vertreter der schreibenden Zunft immer etwas auszusetzen, zu motzen. So auch bei seinem siebten, im Spätsommer 1975 veröffentlichten Album „Extra Texture“. Indes, wenn man für George Harrison sein 70er Werk „All Things Must Pass“ als Meßlatte ansetzte, dann klingt „Extra Texture“ (wie auch seine übrigen Werke) eher enttäuschend. Aber wenn man sein Ausnahmewerk einmal ausklammert und unbefangen an „Extra Texture“ herangeht, dann eröffnet sich einem ein doch recht stimmungsvolles Werk. Allein die Namen seiner Mitspieler garantieren schon, daß man ansprechende Musik geboten bekommt. Neben George als Sänger, Gitarrist, Komponist und Produzent waren noch so bekannte Musiker wie Jim Kelter, Gary Wright, Carl Radle, Billy Preston, Leon Russell, Jesse Ed Davis und Klaus Voormann an den einzelnen Stücken beteiligt. Jeder von ihnen ist als Musiker ein As und gemeinsam sind sie so etwas wie All-Star-Band, der stimmungsmäßig so leicht keiner das Wasser reichen kann. Aufgenommen wurde das Album in den A&M-Studios in Los Angeles. Das ganze Umfeld scheint George sehr gut bekommen zu sein, ist ihm doch ein exzellentes Album gelungen, m.E. sein bestes nach „All Things Must Pass“. Gleich der Opener von „Extra Texture“ macht das deutlich: „You“ ist ein sehr eingängiger Titel, in dem George seine Beatles-Vergangenheit nicht leugnen kann und das nebenbei an diverse Solotitel von John Lennon erinnert. Besonders schön an diesem Stück sind das Saxophonspiel von Jim Horn und das Pianospiel von Leon Russell. Als Singleauskopplung war „You“ ein internationaler Hit, wenn bei weitem allerdings nicht so erfolgreich wie z.B. „My Sweet Lord“, „What Is Love“, „Bangla Desh“ und „Give Me Love (Give Me Peace On Earth)“. In den USA kam das Stück gerade mal in die Top 40 und in Deutschland sprang im Dezember 1975 gerade mal ein Platz 43 heraus. Nun, Hitparadenplazierungen sagen meist nichts über die Qualität eines Liedes aus. In den übrigen Titeln zeigt sich George von einer sanften und leicht melancholischen Seite. Lediglich „Tired Midnight Blue“ –hier ist deutlich der Einfluß von Leon Russell zu spüren- und „His Name Is Leg (Ladies & Gentlemen)“ gehen ebenso wie „You“ etwas flotter zur Sache. Alles in an allen ist „Extra Texture“ ein sehr schönes Album, eine exzellente Visitenkarte eines außergewöhnlichen, leider aber auch zu oft unterschätzten Musikers. Harrison Fans werden dieses Werk zu schätzen wissen und wer bis zu diesem Zeitpunkt nicht den Zugang zu seiner Musik gefunden hat, wird ihn auch mit „Extra Texture“ nicht finden. |