***** Der am 08.05.1944 in Banbury als Paul Gadd geborene Gary Glitter gehörte zwischen 1972-1975 zu den Königen des Glam-Rock. Was bei seinem ersten Hit „Rock’n’Roll Part 1+2“ wie ein Übernachterfolg aussah, war das Ergebnis langer Jahre Arbeit und Mißerfolge. Als 14jähriger kam er nach London und trat dort im „Safarie Club“ auf. 1965 verschlug es in nach Hamburg, dort trat er unter dem Namen Paul Raven regelmäßig im legendären Starclub auf. 1970 kam er zurück nach London und wirkte an den Aufnahmen zu Andrew Lloyd Webbers und Tim Rieces Rockoper „Jesus Christ Superstar“ mit. Anschließend versuchte er unter dem Namen Paul Monday seine Karriere zu forcieren, doch bei diesem Versuch blieb es. Seine Single „Here Comes The Sun“ wollte kein Mensch hören. Allerdings sollte ihm nur kurze Zeit später der ganz große Durchbruch gelingen. Er änderte seinen Namen in Gary Glitter, stellte sich eine Begleitgruppe zusammen (The Glitter Men) und präsentierte sich dem Publikum im Glitzerlook. Und das mit durchschlagenden Erfolg: „Rock’n’Roll Part 1 + 2“ kam im Juli 1972 bis auf Platz 2 der Hitparade. Die Nachfolgeplatten „I Didn’t Know I Loved You“ (1972), „Do You Wanna Touch Me?“ (1973) und „Hello! Hello! I’m Back Again“ (1973) erreichten ebenfalls 2. Plätze in der englischen Hitparade und machten Gary europaweit zu einem der erfolgreichsten Solisten des Glam-Rocks. Allerdings konnten seine Stücke mit denen anderer Glamrocker wie Slade, T. Rex, The Sweet oder David Bowie nicht ansatzweise mithalten. Die Nummern von ihm glichen sich doch sehr und wenn man nicht genau hinhörte oder wenn man betrunken war, hatte man doch echte Schwierigkeiten, die Stücke von einander zu unterscheiden. Textlich wie musikalisch waren sie so simpel gestrickt, daß man sie nach spätestens dem zweiten Anhören mühelos mitsingen (gröhlen?) konnte, Auch wenn man der englischen Sprache nicht mächtig war, konnte man die Texte mühelos behalten. Bei aller Banalität seiner Musik, Gary war er einer der wenigen Glam-Rocker, der keine künstlerischen Ambitionen vorgaukelte. Im Gegensatz zu z.B. Marc Bolan und David Bowie & Co. nahm er sich selber nicht ganz ernst. Auf der Bühne und auf Plattencovern präsentierte er sich selbstironisch und augenzwinkernd als skurriles Mittelding zwischen Elvis-Verschnitt und Machoman. Seine Konzerte wurde in der Mehrzahl von Mädchen um die 15 Jahren reflektiert, die beim Anblick ihres Schwarms in regelrechte Verzückung gerieten. Mit „I’m The Leader Of The Gang (I Am)“ gelang ihm im August 1973 dann den längst fälligen Nr. 1 Hit. Ein ähnlich großer Erfolg wurde „I Love You Love Me Love“, im November/Dezember 1973 sein zweiter Nummer 1 Hit auf der Insel. Da er nun ein absoluter Superstar war, ließ er es sich nehmen, einen autobiographischen Film über sein Leben zu drehen. Allerdings hielt sich der Erfolg von „Remember Me This Way“ in Grenzen und ist im Großen und Ganzen kaum der Rede wert. Auch die Jahre 1974 und 1975 waren für ihn recht erfolgreich, gelangen ihm mit „Remember Me This Way“, „Always Yours“ (sein dritter und letzter Nummer 1 in England), „Oh Yes! You’re Beautiful“, „Love Me Like You And Me“ und „Doing Alright With The Boys“ weitere Top 10 Erfolge. Eine Kehlkopfoperation zwang ihn zu einer Sendepause und er verkündete vorsichtshalber seinen Rückzug aus dem Showgeschäft. Allerdings dauerte der Rückzug nicht lange, bereits Ende 1976 erschien mit „It Takes All Night Long“ eine neue Single, die aber ebenso wie die Nachfolgesingle „A Little Boogie Woogie In The Back Of My Mind“ nicht mehr an die Erfolge vergangener Jahre anknüpfen konnten. Mit dem Aufkommen des Punkrock und des Siegeszug des Discosound verschwand sein Name für einige Jahre in der Versenkung. Erst 1984 gelangen ihm mit „Dance Me Up“ und „Another Rock’n’roll Christmas“ wieder Hits. In jüngster Zeit geriet er wegen seiner Vorliebe für minderjährige Mädchen und einer durch diese Vorliebe verursachten Verurteilung in Vietnam (!) unfreiwillig in die Schlagzeilen. Ab 1974 versuchte seine Begleitband The Glitterman als Glitter Band aus dem Schatten ihres Stars zu treten. Die Gruppe bestand aus dem Bassist und Sänger John Springate, den Gitarristen Gerry Sheppard und Tony Leonard, Schlagzeuger Pete Phillips und Saxophonist Brian Ellison. „Angel Face“ hieß ihr erfolgreicher Einstand, der bis auf Platz 2 der britischen Hitparade kam. Musikalisch wichen sie keinen Millimeter vom Erfolgssound Gary Glitters ab. Warum soll man auch die Pferde wechseln, wenn sie erfolgreich im Rennen liegen? Der Plattenfirma (daß in der ersten Hälfte der 70er Jahre so erfolgreiche Bell-Records, zu deren Topacts u.a. The Partridge Family, David Cassidy, Tony Orlando & Dawn, Terry Jacks und Barry Manilow gehörten. 1975 wurde Bell-Records von Arista aufgekauft), konnte das nur recht sein, konnten sie mit dem Namen Glitter doppelt verdienen. „Just For You“ (Nr. 10 1974), „Let’s Get Together Again“ ( Nr. 8 1974), „Goodbye My Love“ (Nr. 2 1975), „The Tears I Cried“ (Nr. 8 1975), „Love In The Sun“ (Nr. 15 1975) waren die weiteren UK-Hits für die Glitter Band, die sich international nicht so recht durchsetzen konnten. Nach dem letzten Hit „People Like You And People Like Me“ (Platz 5 1976) war auch ihre Uhr abgelaufen. Ebenso wie Gary hatten sie gegen Punk und Discosound in der Publikumsgunst keine Chance mehr. Immerhin muß man der Glitter Band bescheinigen, daß sie recht gute Musik gemacht haben und das John Springate im direkten Vergleich mit Gary Glitter der wesentlich bessere Sänger war. Der In Formel 1 vorgestellte Sampler „Starke Zeiten“ läßt noch einmal Gary Glitters große Zeit der Jahre 1972-1975 aufleben. Bis auf „Remember Me This Way“ und „Doing Allright With The Boys“ sind all seine großen Hits auf „Starke Zeiten“ vertreten. Angereichert wird das Album durch einen langweiligen Albumtitel („Baby, Please Don’t Go“) und den ersten drei Hits der Glitter Band („Angel Face“, „Let’s Get Together Again“ und „The Tears I Cried“). Zwar sind die meisten G.G. Titel wenig abwechslungsreich oder originell, doch repräsentieren sie eines der stärksten Kapitel des Glam-Rocks und letzten Endes auch ein gutes Stück 70er Jahre. Und wenn man seine Musik einmal mit der wenig abwechslungsreichen und öden Popmusik der Gegenwart vergleicht, dann erscheint Gary Glitters Musik schon wieder in einem positiven Licht. Wer die Musik der 70er Jahre liebt, kommt an Gary Glitter eh nicht vorbei. Aus diesem Grund ist „Starke Zeiten“ eine echte Bereicherung für jede 70s Sammlung. |